
1. Informationen für Gruppentouren und Gruppenfahren
2. Informationen zum Thema Unfallvermeidung beim Motorradfahren
Ersteller und Herausgeber (Quelle):
Institut für Zweiradsicherheit e.V und GTÜ
http://www.ifz.de/Publikationen/broschuren/
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Bericht für Unfallvermeidung beim Motorradfahren
Motorradfahren hat besondere Risiken, weil Fahrende ungeschützt sind und das Fahrverhalten, die Technik und die Infrastruktur stark Einfluss auf das Unfallrisiko haben. Dieser Bericht fasst bewährte Maßnahmen zur Unfallvermeidung zusammen — persönlich (Fahrstil, Training, Schutzkleidung), technisch (Bremssysteme, Reifen, Elektronik), organisatorisch (Wartung, Tour-Planung) und politisch/infrastrukturell (Gefahrenstellen, Öffentlichkeitsarbeit). Am Ende findest du konkrete Checklisten, ein praktikables Trainingsprogramm und Empfehlungen für Behörden, Vereine und einzelne Fahrende.
1. Einstieg: Warum Prävention wichtig ist
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Motorräder bieten geringe passive Sicherheit: bei gleicher Unfallkonstellation sind Verletzungen und Todesfälle deutlich schwerer als im PKW.
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Unfallfolge reduzieren heißt nicht nur: weniger Tote — auch weniger Schwerverletzte, geringere Folgekosten, bessere Lebensqualität für Betroffene.
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Prävention wirkt auf drei Ebenen: Fahrer (Training + Verhalten), Fahrzeug (Sicherheitstechnik + Wartung), Umfeld (Infrastruktur + Regeln).
2. Ursachen für Motorradunfälle — Kurzüberblick
Wiederkehrende Muster bei Motorradunfällen lassen sich in vier Gruppen einteilen:
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Fehler des Motorradfahrenden — zu hohe Geschwindigkeit, Fehleinschätzung von Kurven, falsche Linienwahl, riskantes Überholen.
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Fehler anderer Verkehrsteilnehmer — insbesondere PKW, die Motorradfahrende übersehen (Sichtbarkeit, Schulterblick).
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Technische Mängel — abgefahrene Reifen, nicht funktionierende Bremsen, falscher Reifendruck.
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Umwelt/Infrastructure — schlechter Straßenbelag, Schotter, nasse Fahrbahn, mangelhafte Beschilderung, Gefahren an Kurven/Leitplanken.
Vermeidbare Unfälle entstehen oft aus einer Kombination: z. B. kurvenfehler bei nassem Belag + zu hoher Tempoansatz.
3. Grundprinzipien der Unfallvermeidung
Diese Prinzipien gelten als Faustregeln beim sicheren Motorradfahren:
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Sehen und gesehen werden
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Aktive Blickführung: früh in die Kurve schauen, Umgebung ständig mitchecken.
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Sichtbarkeit erhöhen: helle/kontrastreiche Bekleidung, Reflektoren, LED-Beleuchtung tagsüber nutzen.
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Antizipieren statt reagieren
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Verhalte dich so, als würde jeder andere Verkehrsteilnehmer einen Fehler machen.
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Sicherheitsabstand halten, Geschwindigkeit rechtzeitig anpassen.
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Beherrschtes Fahren statt show
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Kein Überschreiten der persönlichen und fahrbaren Grenze — progressive Steigerung in Trainings.
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Fahrmanöver vorher planen (Blindstellen, Ausweichraum, Fluchtlinie).
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Technik und Wartung
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Reifen, Bremsen, Federung und Beleuchtung regelmäßig prüfen.
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Kleinere Mängel früh beheben — sie potenzieren das Risiko.
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Training (Kurventechnik, Notbremsung, Ausweichen) regelmäßig auffrischen — ideal: mind. einmal jährlich.
4. Konkrete Maßnahmen für Fahrerinnen und Fahrer
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Reifendruck & Profil prüfen.
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Bremshebel und -wirkung kontrollieren.
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Ölstand / Kühlwasser / Batterie-LED-Check.
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Licht & Blinker testen.
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Kette (bzw. Endantrieb) schmieren/Spannung prüfen.
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Werkzeug & Erste-Hilfe-Set im Bordgepäck.
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Wettereinfluss bedenken — nasse Straßen = deutlich längere Reaktions-/Bremswege.
4.2 Schutzkleidung — minimale Ausrüstung
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Helm: vollvisier oder Klapphelm mit ECE/UNECE-Zulassung; Sitz prüfen; Kinnriemen korrekt befestigen.
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Jacke + Hose: abriebfeste Materialien (Leder oder zertifizierte Textilkombination) mit Protektoren an Schultern, Ellenbogen, Hüfte & Knie.
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Handschuhe: fingerschützende, knöchelverstärkte Handschuhe.
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Stiefel: knöchelstabil, rutschfeste Sohle.
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Optional: Airbagweste/Jacke — besonders bei schneller Tourenfahrt oder Soziusbetrieb empfohlen.
4.3 Fahrverhalten & Technik — praktische Regeln
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Bremsen: vorausschauend, dosiert; vorne + hinten kombiniert; Notbremsungen regelmäßig üben.
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Kurventechnik (Grundschema): Blickführung → Anbremsen außerhalb der Kurve → Einlenken (linear) → Gasaufgabe zur Stabilisierungsphase → sauberer Gasaufbau beim Herausfahren.
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Überholen: nur bei freier Sicht und ausreichendem Abstand; niemals in Kurven oder an engen Stellen.
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Richtiges Abstandhalten: im Innenstadtverkehr mindestens 1,5 Sek., bei nasser Fahrbahn eher >2 Sek.; auf Autobahnen deutlich mehr.
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Geschwindigkeitsmanagement: persönliche Grenze kennen; bei unbekannter Strecke Tempo reduzieren; in Kurven immer konservativ angehen.
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Anpassungsfähigkeit: bei Schleudern/Platzverlust ruhig bleiben: Blick zum Ausweichziel, dosierte Gegenlenkung, kein abruptes Bremsen bei Kurvenrutsch.
4.4 Verhalten in kritischen Situationen
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Ausweichmanöver: Üben auf Übungsplatz — Blick immer zum Ziel, nicht aufs Hindernis.
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Rutscher/-Schleudern: Gewicht verlagern, Lenkkräfte sanft einsetzen, kein hektisches Gasgeben.
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Notbremsung: Vorderbremse >70 % der Bremskraft, bei ABS kontrolliert ziehen; ohne ABS ABS-freie Notbremsung mit dosierter Hinterradbremse üben (Stoppuhr hilft bei Training).
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Kollision unvermeidbar: Geschwindigkeit reduzieren, kleinere Winkel wählen, versuchen, den Aufprall so zu gestalten, dass lebenswichtige Bereiche weniger getroffen werden.
5. Technische Sicherheitsmaßnahmen am Motorrad
5.1 Elektronische Assistenzsysteme
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ABS (Antiblockiersystem): reduziert Kipp-/Sturzrisiko bei Notbremsung.
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Kurven-ABS: optimiert Bremskraft in Schräglage — deutlich sicherer in Kurven.
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Traktionskontrolle (TC): verhindert entgleitendes Hinterrad bei Gasaufbau.
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Fahrmodi: (Rain, Road, Sport) sinnvoll nutzen, um Leistungsabgabe an Bedingungen anzupassen.
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Reifendruck-Kontrollsystem (TPMS): frühzeitiges Warnsystem bei Druckverlust.
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Reifen regelmäßig ersetzen, bevor Profiltiefe kritisch wird (je nach Hersteller).
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Bremsscheiben/Beläge in empfohlenen Intervallen prüfen; Bremsflüssigkeit nach Herstellervorgaben tauschen.
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LED-Scheinwerfer für bessere Sicht/Erkennung.
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Zusatzreflektoren/Beleuchtung für Seitenprofil.
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Sonderausstattung: beheizbare Griffe, Scheiben zur Entlastung bei Langstrecke (komfortfördernd → weniger Ermüdung).
6. Routen- und Tourenplanung (Organisation)
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Vorab-Check der Strecke: Karten/Apps nutzen, gefährliche Kurven/Gefahrenabschnitte identifizieren.
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Wetter prüfen: Stark wechselnde Bedingungen vermeiden; bei Regen Anpassung der Geschwindigkeit.
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Pausen planen: kurze, regelmäßige Pausen gegen Ermüdung (je 1 Stunde Fahrt → 10–15 Minuten Pause).
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Gruppenfahrtregeln: klare Abfolge, Abstand, Ansage von Hindernissen; kein spontanes Beschleunigen innerhalb der Gruppe.
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7. Infrastruktur, Politik und Gemeinschaftsmaßnahmen
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Blackspot-Analyse: Behörden sollten gefährliche Stellen kartieren und entschärfen (Bordanlagen, bessere Markierungen, Kurvenaufschüttung).
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Öffentlichkeitskampagnen: Fokus auf „sichtbar sein“, Abstand, Schulterblick.
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Lärm- und Geschwindigkeitskontrollen: gezielt an Motorrad-Hotspots zur Verhaltensänderung.
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Förderung von Assistenzsystemen: Subventionen/Steuervorteile für Motorräder mit Kurven-ABS/TC könnten Anschaffungsbarrieren senken.
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Kooperation mit Clubs/Verbänden: Trainingsgutscheine, Mentorprogramme, Sicherheitstage.
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8. Erste Hilfe & Nach dem Unfall
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Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen: Helm nicht sofort abnehmen, Stabilisierung der Wirbelsäule prüfen (nur bei Sicherung der Atemwege Helm abnehmen).
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Notruf & Dokumentation: Lage kurz, Patientenzustand, verwendete Medikamente angeben. Fotos machen, Unfallstelle sichern (Warnblinker, Dreieck, Warnweste).
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Nachsorge: Psychische Betreuung und Unfallanalyse; Wartung am Motorrad nicht vergessen (z. B. unsichtbare Schäden, Lenkgeometrie).
9. Beispiel: 6-Punkte-Plan für einzelne Fahrende
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Helm & Schutzkleidung immer vollständig tragen.
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Einmal jährlich ein professionelles Training absolvieren.
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Vor jeder Fahrt 3-Minuten-Pre-Ride-Check (siehe Checkliste).
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Geschwindigkeit an Strecke + Fähigkeiten anpassen (Konservative Linie statt Show).
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Bei Unsicherheit abbrechen — lieber anhalten, prüfen, neu starten.
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Technik ausrüsten: Kurven-ABS + TC, TPMS wenn möglich.
10. Empfehlungen für Verbände / Behörden
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Kostenlose oder vergünstigte Refresher-Kurse für ältere Fahrer oder Wiedereinsteiger fördern.
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Netzwerk aus regionalen Trainingsplätzen und Instruktoren schaffen.
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Investitionen in schwarze Punkte (Straßeninstandsetzung, Entschärfung Leitplanken) priorisieren.
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Datenerhebung verbessern (Unfallursachen, Motorrad-spezifische Schadensmuster) für gezielte Maßnahmen.
11. Fazit
Unfallvermeidung beim Motorradfahren ist multidimensional: Verhalten, Technik, Ausbildung und Infrastruktur müssen zusammenspielen. Die wirkungsvollsten Hebel sind kontinuierliches Training, zuverlässige Wartung und eine defensive Fahrweise. Politik und Motorrad-Community sollten zusammenarbeiten — Prävention wirkt am besten, wenn Angebote leicht zugänglich sind und Fahrende in ihrer Routine unterstützt werden.
Anhang A — Detaillierte Pre-Ride-Checkliste (Druckformat)
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Sicht: Scheinwerfer, Rücklicht, Blinker testen.
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Reifen: Druck messen, Profil > Mindestprofil, keine Risse.
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Bremsen: Hebelspiel prüfen, Bremswirkung testen.
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Flüssigkeiten: Ölstand, Bremsflüssigkeit, Kühlwasser.
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Batterie: Startverhalten, Sicherungen checken.
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Kette/Antrieb: Spannung & Schmierung.
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Schrauben: Schnell lösbare Schrauben (Spiegel, Gepäck) überprüfen.
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Werkzeug/Erste Hilfe: vorhanden & funktionsfähig.
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Bekleidung: Helm, Handschuhe, Jacke, Hose, Stiefel anziehen.
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Dokumente: Führerschein, Zulassung, Versicherung, ggf. Rettungskarte.
Anhang B — Wartungsintervalle (empfohlen, orientierend)
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Ölwechsel: je nach Hersteller (z. B. 6–12 Monate / 5.000–15.000 km).
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Reifen: Sichtprüfung vor jeder Fahrt; Austausch bevor Profiltiefe kritisch wird (Herstellerangabe).
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Bremsflüssigkeit: alle 1–2 Jahre wechseln.
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Hauptinspektion: gemäß Herstellerintervall beim Vertragshändler oder qualifizierter Werkstatt.